Muss das sein?

Vor einigen Tagen habe ich mal wieder nicht auf mein Bauchgefühl gehört und wurde mächtig dafür bestraft: Ich war drei lange Tage an einen Ort gebunden, an dem ich zum einen vollkommen deplatziert war, zum anderen ein echtes Problem unserer Gesellschaft leibhaftig vor Augen geführt bekam: den Wertverlust unserer Wegwerfgesellschaft.

 

Ort des Geschehens war die „Lifestyle“-Messe Nordstil in Hamburg. Seit Jahren besuche ich diese Messe lediglich um ein paar Lieferanten zu besuchen und schon immer fand ich, dass diese Messe alles andere ist, als das, was eine Messe sein sollte & was ihr Name verspricht: modern und zukunftsweisend. Leider trifft dies auch auf zahlreiche andere Messen in Deutschland zu. Hier jedoch fand ich es besonders schade, da es für uns sozusagen eine „Hausmesse“ wäre, ohne aufwändige Anreise, abends nach Hause statt ins Hotel...

 

 Jahrelang konnte ich es mir einfach nicht vorstellen die neue Kollektion in diesem altertümlichen  Ambiente, auf quitschpinker Auslegeware zu präsentieren. Im letzten Jahr allerdings traf ich einen Londoner Kollegen auf einer Messe in Paris, der mir ins Gewissen redete, die Messe doch einmal auszuprobieren, da sämtliche Insel-Kunden kämen und sie unterm Strich gar nicht so schlecht sei. Kurzum: ich habe mich angemeldet. Auf den allerletzten Drücker, was bedeutete auch keine Auswahl mehr bei der Standposition zu haben.

 

Grundsätzlich gehe ich optimistisch an die Dinge heran, wir bauten einen sehr hübschen Stand auf, wunderten uns ein wenig über das Angebot einiger Nachbarstände, aber was solls – wird schon gut gehen. 

 

Dann ging es los! Während bei unseren Schmuck-Kolleginnen ein paar Reihen weiter noch gähnende Leere herrschte, ging es in unserer Reihe schon zu wie auf einem Basar. Leider sah es auch so aus!! Die gegenüberliegenden Stände hatten ihre Abhängungen gelüftet und zum Vorschein kamen meterlange Tische, beladen mit Billig-Gürteln in allen Schattierungen des Regenbogens, sowie Tonnen voll mit riesigen Gürtelschnallen aus Blech, vom Hermes-H-Fake bis zu Panthern und Ornamenten. Daneben gab es SilberSCHMUCK in Plastikwannen – Verkauf per Kilo, vor Ort. Auch diese Ware hat sicherlich ihre Berechtigung und es ist natürlich vor allem ein Unding der Messeleitung derartige Cash&Carry Ware mit Pre-Order-Ständen zu vermischen. 

 

Die fehlende, für uns passende, Kundschaft in unserer Reihe war also das eine Problem, mit anzusehen, wie die Menschen auf Billigware reagierten wurde für mich zum Anderen.  Drei lange Tage habe ich mir Gedanken zu diesem Thema gemacht, was für mich schon immer eine große Rolle spielt. Ich bin kein Billig-Käufer und ich bin auch kein Massen-Käufer, ich hasse es zu viel zu haben und muss mich regelmäßig von allem Möglichen befreien. Hier aber wurde mir klar, wie raffgierig der Mensch oft wird, wenn er das Gefühl hat etwas günstig zu bekommen. Und – noch schlimmer: wie wenig wichtig es im Endeffekt ist was man da hat. Sobald der ganze Krempel in der Tüte landet, sind der Spaß und die Euphorie auch meist schon verloren. Warum ist es toller einen ganzen Berg Billigzeug zu haben, als eine einzelne, wirklich schöne Sache? Vielleicht ist das ein Generationen-Ding.

 

Vor einigen Tagen bin ich nämlich genauso fassungslos über eine Horde junger Mädchen gestolpert, die offensichtlich gerade shoppen waren.  Jede von ihnen hatte mindestens eine Tüte, so groß wie eine Ikea-Tasche, zwischen den Beinen stehen aus denen die Klamotten einer Billig-Kette quollen. Mag sein, dass da auch ganz selten mal ein Lieblingsteilchen dabei ist, das Meiste aber landet  doch garantiert so schnell und ungeliebt im Schrank oder im Kleidersack wie es gekauft wurde. 

 

Nein, das kann kein guter Weg sein. Für mich ist das alles Karma. Die Liebe, die in ein Kleidungs- oder Schmuckstück gelegt wird, während es in Handarbeit entsteht färbt genauso auf die Trägerin ab, wie das im Gegenteil der Fall ist. Sei es schlecht produzierte Kleidung, oder mies hergestellte Nahrungsmittel, wie Fleisch von Tieren, die unter großer Angst sterben mussten. Wir tragen diese Dinge am Körper, oder lassen sie sogar herein und ich bin absolut davon überzeugt, dass das alles auf uns übertragen wird. 

 

Qualität ist Wohlbefinden und hat nichts mit Reichtum zutun - der wöchtentliche große Sack Billigklamotten ist mindestens genauso teuer wie ein paar wenige, schöne Herzensstücke, die einen lange begleiten, das gute, nahrhafe Essen macht einen nicht nur glücklicher, sondern auch noch zufriedener und länger satt, als aufgeblasene, billige Lebensmittel. 

 

Auch wenn wir das alles schon hundertmal gehört und gelesen haben  - angekommen ist es offensichtlich noch lange nicht. Wir sollten es uns also etwas mehr ins Gewissen rufen und uns auch dann daran erinnern, wenn die Gier oder der Hunger gerade größer sind als der Verstand. In diesem Sinne: genießt den Tag und lasst die Dinge erstmal auf euch wirken!